
Bewusste Atmung und Identität: Was uns im Sport wirklich stärkt
28. August 2026Ein Ergebnis kann einen Tag entscheiden. Es sollte nicht entscheiden, wer Du bist.
Im September haben wir bei SpoMind gefragt: Wer bin ich ohne meinen Sport? Leistung gehört zum Sport. Sie schafft Orientierung, macht Entwicklung sichtbar und kann enorme Energie freisetzen. Schwierig wird es, wenn aus „Ich will Leistung bringen“ unbemerkt „Ich bin nur etwas wert, wenn ich leiste“ wird. Dann hängt nicht mehr nur die sportliche Zufriedenheit am nächsten Wettkampf, sondern das gesamte Selbstbild.
Eine starke sportliche Identität ist zunächst nichts Negatives. Die Rolle als Athlet:in kann Zugehörigkeit schaffen, Motivation stärken und helfen, über Jahre konsequent an einem Ziel zu arbeiten. Verletzlich wird sie vor allem dann, wenn daneben kaum andere Rollen, Beziehungen oder Perspektiven bestehen. Eine Verletzung bedroht dann nicht nur den Trainingsplan. Eine Niederlage fühlt sich schnell wie persönliches Versagen an. Und beim Karriereende steht plötzlich eine viel größere Frage im Raum: Wer bin ich, wenn diese Rolle wegfällt?
Forschung zu Karriereübergängen zeichnet dabei ein differenziertes Bild. Eine aktuelle Übersichtsarbeit nennt eine sehr dominante Sportidentität, fehlende Planung und geringe soziale Unterstützung als mögliche Belastungsfaktoren. Balance, Bildung, verlässliche Beziehungen und eine frühzeitige Vorbereitung können den Übergang dagegen unterstützen. Eine weitere Studie mit ehemaligen Leistungssportler:innen zeigt, wie wichtig erhaltene und neu entstehende Gruppenzugehörigkeiten sein können.
Dabei geht es nicht darum, weniger ambitioniert zu sein oder dem Sport Bedeutung zu nehmen. Es geht darum, das eigene Fundament breiter aufzustellen. Werte, Beziehungen, Interessen und Fähigkeiten außerhalb der reinen sportlichen Leistung werden zu zusätzlichen Säulen. Sie tragen im Übergang – und können schon während der aktiven Karriere Druck reduzieren und Entwicklung fördern.
Identität, Übergänge und neue Rollen – Was wir aus den drei Folgen mitnehmen können
Unser Impuls: Frage Dich nicht nur, was Du im Sport erreicht hast. Frage Dich auch, was Du im Sport über Dich gelernt hast und in welchen anderen Rollen diese Stärke sichtbar wird.
👉 Hör in die drei September-Folgen rein und nimm Dir anschließend 15 Minuten für unsere Rollenkartei.
Nimm gerne Kontakt mit uns auf und schreib uns eine Nachricht über das Kontaktformular.
145 – Vom Olympioniken zum Hafenmeister – Jan Benzien über die Karriere nach der Karriere
Jan Benzien verpasste die Olympiaqualifikation 2012 um nur 0,34 Sekunden. Hinter dieser Zahl steckt mehr als ein knappes Ergebnis. In einem solchen Moment kann nicht nur ein sportlicher Plan wegbrechen, sondern auch das Bild von der eigenen Zukunft.
Jan wechselte anschließend in den Zweiercanadier mit Franz Anton, erreichte bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio den vierten Platz und baute bereits während seiner aktiven Laufbahn den Stadthafen Leipzig auf. Seine Geschichte ist keine einfache Erzählung davon, dass aus jedem Rückschlag automatisch ein neuer Erfolg entsteht. Sie zeigt vielmehr, wie wichtig Handlungsmöglichkeiten, ein tragfähiges Umfeld und erste Schritte in neue Rollen sein können.
Fähigkeiten wie Zielorientierung, Analyse, Teamarbeit und der Umgang mit Rückschlägen verschwinden nicht mit dem Ende der Karriere. Sie lassen sich übertragen – in ein Studium, einen Beruf, ein Unternehmen oder eine neue Aufgabe im Sport. Jans Satz fasst diese Haltung treffend zusammen: „Klein anfangen und vielleicht schon groß denken.“
146 – Und was kommt danach? – Katja Schülke über Sport, Identität und das Karriereende
Katja Schülke kennt den Übergang aus zwei Perspektiven: als ehemalige Handball-Nationaltorhüterin und heute als Sportpsychologin. Im Gespräch geht es um Selbstwert, Vertrauen und die Frage, warum sportpsychologische Begleitung nicht erst dann beginnen sollte, wenn eine Krise bereits da ist.
Werte, Beziehungen und weitere Lebensrollen können Halt geben, wenn Ergebnisse ausbleiben oder sich die sportliche Rolle verändert. Gleichzeitig werden durch den Sport Fähigkeiten aufgebaut, die weit über den Wettkampf hinausreichen: Teamfähigkeit, der Umgang mit Druck und Rückschlägen, Verantwortung und die Fähigkeit, sich nach Fehlern neu auszurichten.
Für Trainer:innen entsteht daraus eine besondere Verantwortung. Entwicklung braucht Herausforderung und klare Standards – aber ebenso Sicherheit und das Gefühl, als Mensch wahrgenommen zu werden. Gute Begleitung hält beides zusammen: Challenge und Care.
147 – Wer bin ich nach dem Sport? Karriereende, Rollenwechsel, Neuanfang
Im Kabinengeflüster greifen wir die beiden Gespräche auf und richten den Blick auf Rollenwechsel. Das Ende einer Sportkarriere bedeutet nicht nur, dass Training und Wettkämpfe aufhören. Auch die eigene Rolle verändert sich – und häufig kommen neue hinzu: Aus Athlet:in wird vielleicht Trainer:in, Kolleg:in, Führungskraft, Partner:in, Elternteil oder jemand, der sich zunächst neu orientieren muss.
Mit der Rollenkartei wird diese Vielfalt sichtbar. Die Übung hilft dabei, Erwartungen zu erkennen, den eigenen Beitrag in jeder Rolle zu reflektieren und zu prüfen, welche Werte unabhängig von Leistung und Ergebnis bestehen bleiben. In der Folge stellen wir außerdem Moritz als neues Teammitglied bei SpoMind vor – und damit auch seine neue Rolle in unserem Team.
Die Rollenkartei: Ein 15-Minuten-Check für Dein Fundament
Nimm ein Blatt Papier und schreibe Deinen Namen in die Mitte. Notiere darum alle Rollen, die aktuell zu Deinem Leben gehören – zum Beispiel Athlet:in, Teammitglied, Freund:in, Partner:in, Familienmitglied, Student:in, Mitarbeitende:r, Trainer:in oder Mentor:in.
Gehe anschließend jede Rolle mit vier Fragen durch:
- Was wird in dieser Rolle von mir erwartet? Unterscheide zwischen den Erwartungen anderer und Deinen eigenen.
- Was bringe ich selbst in diese Rolle ein? Denke an Fähigkeiten, Erfahrungen und Deinen persönlichen Beitrag.
- Welche Werte möchte ich in dieser Rolle leben? Zum Beispiel Respekt, Mut, Verlässlichkeit, Neugier oder Zusammenhalt.
- Wie viel Raum bekommt diese Rolle gerade – und wie viel Kraft gibt sie mir? Nutze dafür jeweils eine Skala von 0 bis 10.
Wähle zum Schluss eine Rolle, die zuletzt zu wenig Raum bekommen hat, und plane einen kleinen Schritt für die nächsten sieben Tage. Das kann ein Gespräch, eine Stunde für ein eigenes Interesse, ein Termin zur beruflichen Orientierung oder der Beginn eines kleinen Projekts sein.
Balance bedeutet nicht, dass jede Rolle immer gleich viel Zeit erhält. Im Leistungssport wird es Phasen geben, in denen Training und Wettkampf dominieren. Entscheidend ist, dass andere Teile Deiner Identität erreichbar bleiben und bei Bedarf wieder aktiviert werden können.
Ausblick auf Oktober: Olympia in Deutschland?
Im Oktober richten wir den Blick vom einzelnen Menschen auf eine gesellschaftliche Entscheidung: „Olympia in Deutschland? Zwischen Vision, Verantwortung und Entscheidung“.
Welche Chancen kann eine olympische Bewerbung eröffnen? Welche Erwartungen und Verantwortlichkeiten gehören dazu? Und wie lassen sich Entscheidungen so gestalten, dass nicht nur die große Vision, sondern auch ihre Folgen für Sport, Gesellschaft und die beteiligten Menschen ernst genommen werden?
Eine Frage aus dem September bleibt dabei aktuell: Bauen wir unser Selbstbild und unsere Entscheidungen auf ein einzelnes Ergebnis – oder auf ein breiteres Verständnis von Entwicklung?
Denn Deine Leistung darf wichtig sein. Sie muss nicht alles sein.




